Allgäu
19. Juli 2019

Dr. Schulze Darup: Schlechte Effizienzstandards kommen teuer

Dr. Burkhard Schulze Darup zählt zu den Architekten mit der längsten Erfahrung beim Bau von Passivhäusern. Er hält Vorträge, gibt Seminare und arbeitet in zahlreichen Gremien und Forschungsprojekten mit. In unserer Interview-Reihe sprachen wir mit ihm über die Entwicklung im Wohnungsbau, dessen Bedeutung für den Klimaschutz, dringend notwendige Reformen und den umstrittenen Entwurf des neuen Gebäudeenergiegesetzes. Letzteren findet Burkhard Schulze Darup "anachronistisch".

Wenn über Klimaschutz gesprochen wird, geht es derzeit vor allem um E-Mobilität. Dringend nötige Maßnahmen im Gebäudesektor sind gerade kein großes Thema, so der Eindruck. Sehen Sie das auch so? Und woran könnte das liegen?

Dr. Schulze Darup: Lange Jahre wurde nur der Gebäudesektor in den Medien für den Klimaschutz bemüht. Ein großer Teil der Beiträge befasste sich zunehmend mit den Problemen und nicht mit den Chancen. Es ist richtig, jetzt ist die Mobilität ein Megathema. Aber ich beobachte auch, dass durch Fridays-For-Future eine massive Bewegung in die Berichterstattung kommt.

Welchen Beitrag kann der Wohnungsbau für den Klimaschutz leisten?

Dr. Schulze Darup: Genau seinen Reduktionsanteil, der hoffentlich im Klimaschutzgesetz präzise beschrieben wird, sodass wir die Benchmarks für die nächsten Jahre haben. Unsere Roadmap wird sehr anspruchsvoll. Das heißt, es gibt viel konkrete Arbeit. Neubauten müssen in wirtschaftlicher Best-Practice-Technik sowohl hinsichtlich der Effizienz als auch der erneuerbaren Energien gebaut werden.

Wie sieht es bei den Bestandsgebäuden aus?

Dr. Schulze Darup: Da benötigen wir eine annähernd vergleichbare Sanierungstiefe. Jedes Bauteil, das angefasst wird, muss hochwertig saniert werden. Nur dann werden wir die Klimaziele erreichen. Aus Nachhaltigkeitsgründen werden wir im Schnitt aber kaum über eine Sanierungsquote von 1,5 bis 1,8 Prozent hinauskommen. Das korreliert mit unserer Forderung, dass Bauteile möglichst sechzig Jahre halten sollen. Außerdem benötigen wir niederschwellige Maßnahmen für Gebäude, die vor 15 oder 20 Jahren saniert wurden. Das können kleine Maßnahmen an der Gebäudehülle sein, vor allem aber ein Update der Gebäudetechnik. Zum Beispiel ergänzend zur vorhandenen Heizanlage ein ergänzendes Kombipakets aus Photovoltaik und Wärmepumpe. Die könnte klein dimensioniert auf 25 Prozent der Heizlast ausgelegt sein, aber 40 bis 70 Prozent der Arbeit leisten und entsprechend CO2 einsparen.

Was hat sich in den vergangenen Jahren beim Thema Energieeffizienz im Wohnungsbau getan?

Dr. Schulze Darup: Zu wenig. Zehn Jahre haben wir mit Zaudern zugebracht. Nach den Meseberger Beschlüssen 2007 sah es so aus, als wenn es in die richtige Richtung ginge. Spätestens seit der EnEV 2009 war es mit dem Engagement vorbei, und wir sind de facto auf der Stelle getreten. Wir Fachleute müssen uns fragen lassen, warum wir nicht früher vehement die Stimme erhoben haben. Eigentlich ist es beschämend, dass die Schüler uns jetzt wachrütteln müssen.

Woran liegt es, dass es nicht schneller voran geht?

Dr. Schulze Darup: Die Frage müssen wir ab sofort anders herum stellen. Wieviel Zeit bleibt uns noch? Wenn wir die Prognosen der Klimaforscher ernst nehmen – und das sollten wir –, haben wir noch zehn Jahre. Nicht bis zum Beginn der Maßnahmen! In zehn Jahren auf jetzigem Emissionsniveau haben wir unseren Anteil aufgebraucht. Wir müssen ab sofort die CO2-Emissionen deutlich reduzieren.

Was sagen Sie zum aktuellen Entwurf des neuen Gebäudeenergiegesetzes (GEG), das bis Ende des Jahres stehen soll?

Anachronistisch! Das GEG würde für weitere fünf Jahre überkommene Standards festschreiben, die uns ganz sicher nicht in Sachen Klimaschutz weiterbringen. Außerdem ist es ein Monster, das selbst diejenigen Akteure nicht lesen, die beruflich damit zu tun haben. Wir benötigen dringend ein einfaches Regelwerk und eine einfache energetische Berechnung mit stimmigen Ergebnissen.

Seitens der Kritiker des Gesetzentwurfs gibt es die Forderung nach einer verbindlichen Festsetzung des Effizienzhaus 40 Standards für Neubauten. Reicht das aus Ihrer Sicht oder müsste gar der Passivhaus-Standard für private Bauten verpflichtend werden?

Dr. Schulze Darup: Meine persönliche Empfehlung ist der Passivhaus-Standard, weil er einfach, wirtschaftlich und physikalisch sauber ist. Wir sollten aber nicht puristisch sein. Ein präzisierter KfW Effizienzhaus 40PLUS-Standard, der ohnehin zu 90 Prozent Passivhaus ist, könnte ein pragmatischer Weg sein, auf den sich die zahlreichen Akteure zeitnah einigen.

Das Passivhaus funktioniert und das schon seit vielen Jahren – warum setzt sich das Modell nicht durch?

Dr: Schulze Darup: Es setzt sich durch. Gleich wie die Gebäude sich nennen. Die Erfahrungen aus dem Passivhaus-Segment nutzen inzwischen auch diejenigen, die das Wort niemals in den Mund nehmen würden.

Was ist sinnvoller: strengere Vorgaben oder noch höherer finanzielle Anreize fürs energieeffiziente Bauen und Sanieren?

Dr. Schulze-Darup: Das ist eigentlich eine Frage an den Bundesrechnungshof. Wir sprechen hier über Steuergelder. Politiker können sich nicht beliebig von ihrer Verantwortung freikaufen mit immer höheren Fördergeldern. Ordnungsrecht und klare politische Leitplanken sind unabdingbar. Sie müssen umgehend eingeführt werden, aber sanft und sozialverträglich beginnen. Eine Lenkungswirkung wird aber erst entfaltet, wenn die damit einhergehenden Kosten sukzessive und mit Augenmaß kontinuierlich ansteigen, sodass Haus- und Wohnungseigentümer ihre Entscheidungen auf einem sicheren Planungsrahmen aufbauen können. Wir Fachleute können behilflich sein, richtige Strategien beziehungsweise einen optimierten Sanierungsfahrplan zu entwickeln. Die aktuelle Diskussion um die CO2-Abgabe ist ein gutes Beispiel, wie mit der Fragestellung umgegangen werden kann.

Als Argument gegen zu strenge Vorgaben wird immer wieder ins Feld geführt, dass dadurch die Baukosten arg steigen würden.

Dr. Schulze Darup: Unser dreijähriges Forschungsvorhaben zum Geschosswohnungsbau unter Beteiligung von fünf großen Wohnungsunternehmen zeigt ganz deutlich: es sind die schlechten Effizienzstandards, die uns teuer zu stehen kommen. Nach heutigen Rahmenbedingungen ist ein Standard KfW Effizienzhaus 40PLUS oder ein PassivhausPLUS in der Gesamtbetrachtung trotz erhöhter Investitionskosten von 50 bis 100 Euro pro Quadratmeter deutlich wirtschaftlicher als ein Gebäude nach EnEV-Standard.

Letzte Frage: Wie viel Technik braucht das Haus der Zukunft?

Dr. Schulze Darup: Genau das ist die richtige Frage zum Abschluss. Eine gute Gebäudehülle sorgt dafür, dass erneuerbare Technik kostengünstig und einfach sein kann. Die Gebäudehülle hält sechzig Jahre, die Gebäudetechnik muss zu Teilen nach 20 Jahren erneuert werden. Ist sie klein, ist das doppelt günstig.