Allgäu
30. Juni 2019

Interview: Dr. Kopatz und die Ökoroutine

Dr. Michael Kopatz ist Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Umweltpolitik/Umweltplanung und seit 1997 Mitarbeiter des renommierten Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Der 48-Jährige erforscht insbesondere, wie sich eine umfassende Lebenstilwende realisieren lässt. „Ökoroutine – damit wir tun, was wir für richtig halten“, lautet der Titel seines 416 Seiten starken Ratgebers. Im eza!-Interview erklärt Michael Kopatz, warum die Verbraucher ‚erlöst‘ werden müssen und wie ökologisches Handeln ohne moralische Appelle zum Normalfall wird.

Herr Kopatz, die Fridays for Future-Bewegung mit Greta Thunberg an der Spitze hat maßgeblichen Anteil daran, dass das Thema Klimawandel in den öffentlichen Fokus gerückt ist. Hätten Sie mit so einer starken Jugendbewegung gerechnet?

Kopatz: Niemand konnte ahnen, dass ein Mädchen so etwas auslöst. Ich hätte das auch nicht gedacht. Das ist schon sehr beeindruckend und macht mir Mut. Aber ich denke, dass das nicht ewig so weiter gehen wird. Irgendwann wird da die Luft ein bisschen raus sein.

Bündnis 90/Die Grünen sind laut Umfragen derzeit die stärkste politische Kraft in Deutschland, auch weil das Thema Klimawandel die Menschen beschäftigt und dieser Partei hier die größte Kompetenz zugeschrieben wird. Gleichzeitig prägen SUVs das Straßenbild, Ferienflieger sind ausgebucht – wie passt das zusammen?

Kopatz: Wenn Sie meinen, dass die Leute zu wenig für die Sache tun, die sie als wichtig erachten, wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit, dann stimme ich dem zu. Klimaschutz finden viele Menschen wichtig, scheitern dann aber im Alltag. Es fällt uns offenbar schwer, das umzusetzen, was wir moralisch für geboten halten. Bestes Beispiel ist das Thema Massentierhaltung. 90 Prozent der Deutschen sagen in Umfragen, dass sie bereit dazu sind, deutlich mehr Geld für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung auszugeben. Nur zwei Prozent tun es aber tatsächlich. Kollektiv wollen wir den Wandel, individuell möchten nur Wenige den Anfang machen. Wir schieben die Probleme lieber zur Seite, statt sie anzupacken, und verteidigen unsere Alltagsroutine so lange es geht.

Was schlagen Sie vor?

Kopatz: Wir müssen die Verhältnisse durch neu geschaffene Standards so ändern, dass die Leute automatisch verantwortungsvoller konsumieren und sich verhalten, ohne darüber nachdenken zu müssen. Ich nenne das das Konzept der Ökoroutine. Es funktioniert ja bereits in der Praxis und kaum jemand hat es mitbekommen. Elektrogeräte, Häuser und Autos werden immer effizienter, weil die gesetzlichen Standards schrittweise erhöht worden sind. Beispielsweise hatten unsere Elektrogeräte im Wohnzimmer häufig einen Stromverbrauch von 30 Watt, wenn sie ausgeschaltet werden. Die Standby-Verordnung der EU hat den Maximalverbrauch auf 0,5 Watt begrenzt. Statt nur mit moralischen Appellen von den Bürgern das ‚richtige‘ Verhalten einzufordern, ist es viel effektiver, die Produktion zu verbessern. Man könnte auch sagen: die Verhältnisse lassen sich leichter als das Verhalten ändern.

Dem Verbraucher soll die Entscheidung abgenommen werden?

Kopatz: Manche bezeichnen das auch als ‚Erlösung des Konsumenten‘. Wir können nachhaltiger Leben, ohne uns tagtäglich mit Klimawandel und Massentierhaltung befassen zu müssen. Der Wandel zur Nachhaltigkeit kann sich verselbständigen, wenn wir Strukturen etwa in Form von Standards und Limits ändern.

Verbote und Bevormundung kommen aber bei den Menschen nicht gut an.

Kopatz: Jedes Gesetz ist eine Bevormundung. Die Geschichte der Zivilisation ist eine Geschichte der Entwicklung von Regeln. Sie gehören zur Demokratie wie zum Menschen das Atmen. Ohne Regeln würde das ganze System nicht funktionieren. In den meisten Fällen geht es ja nicht um einen kompletten Verzicht, sondern um die Verminderung von Expansion – zum Beispiel kein weiterer Ausbau von Flughäfen, nicht immer noch mehr Straßen. Damit wäre schon sehr viel erreicht.

Statt auf Verbote und staatliche Reglementierung zu setzen, könnten technische Innovationen viel mehr ausrichten, sagt die Gegenseite.

Kopatz: Technische Optionen in die Diskussion einzubringen, ist ein typischer Reflex und ein Mittel, um der Politik Entscheidungen abzunehmen. Aber es ist ein Irrglaube, dass technische Innovationen allein unsere Probleme lösen könnten. FDP-Vorsitzende Christian Lindner schwärmt von Wasserstoffflugzeuge – aber wo soll denn all der Wasserstoff herkommen?

Und was ist mit den Arbeitsplätzen? Die werden durch den Klimaschutz vernichtet, wird immer wieder behauptet.

Kopatz: Im Bereich der erneuerbaren Energien sind in Deutschland mittlerweile 360.000 Menschen beschäftigt. Das ist schon 18-mal so viel wie in der Braunkohle und halb so viel wie in der Autoindustrie. Daran erkennt man, wo die Potenziale schlummern. Wir stehen sicherlich vor einem dringend notwendigen Wandel. Aber das heißt nicht, dass es dann weniger Beschäftigte geben wird.

Erlöst die Konsumenten! Das fordert der Sozialwissenschafler Dr. Michael Kopatz in seinem Ökoroutine-Konzept. Foto: Julia Sellmann