Allgäu
12. August 2019

Wetter-Experte Frank Böttcher: "Wir müssen uns anpassen"

Sprechen wir übers Wetter – und zwar mit Frank Böttcher. Das moderiert der gebürtige Hamburger für mehrere deutsche Fernsehsender. Zudem hat Frank Böttcher mit seinem Kollegen Sven Plöger das Buch „Klimafakten“ geschrieben und hält regelmäßig Vorträge an Schulen und auf Konferenzen. Komplizierte Zusammenhänge so zu erklären, dass sie auch Laien verstehen, ist Böttchers Stärke. Dabei findet der Journalist zum Klimawandel und zur Häufung von Extremwetterlagen klare Worte.

Herr Böttcher, erst der weltweit heißeste Juni und dann auch noch der heißeste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Dazu riesige Waldbrände in Sibirien. Sind das alles Zeichen dafür, dass der Klimawandel und dessen Folgen Fahrt aufnehmen?

Böttcher: Diese Rekorde zeigen auf eindrückliche Weise, wie gut die Klimaforschung mit den zahlreichen Modellen in der Lage ist, die Entwicklung des Klimas zu verstehen. Diese Rekorde erfüllen meine Erwartungshaltung – leider. Sie sind die logische Folge einer Entwicklung, die schon viele Jahrzehnte anhält und deren Entwicklungsende in keiner Weise absehbar ist.

Welchen Anteil hat aus Ihrer Sicht der menschengemachte Klimawandel an den weltweit zu beobachtenden Extremwettern? Kann man als Meteorologe überhaupt seriöse Aussagen dazu machen?

Böttcher: Das ist eine Frage, die uns seit vielen Jahrzehnten umtreibt. Bei der Zahl der in Deutschland beobachteten Tornados ist eine Aussage im Moment nicht möglich, weil die Zahl der gemeldeten Fälle in Folge der Verbreitung von Mobiltelefonen mit Fotofunktion rapide gestiegen ist. Auf diesem Niveau müssen wir sich noch 20 bis 30 Jahre Daten sammeln, um Aussagen zu treffen. Erste Forschungsprojekte machen es möglich, Einzelereignisse einen Anteil des Klimawandels zuzuordnen. Bei Hurrikanen ist das inzwischen recht gut möglich, weil wir die Temperaturerhöhung des Ozeans gut mit dem Klimawandel in Zusammenhang bringen können und dieser eine starke Auswirkung auf die Entwicklung eines Hurrikans hat.

Erklären Sie uns doch bitte die Wechselwirkung.

Böttcher: Kurz gesagt: Je wärmer das Wasser, umso stärker der Sturm und umso höher die Niederschlagsraten. Bei einzelnen Gewittern ist das erheblich schwerer. Das ist in etwa so, als würden Sie bei einem gezinkten Würfel versuchen, den Sechsen eine Aussage darüber zu entlocken, ob genau diese Sechs nun Zufall oder Ergebnis der Fälschung ist. In diesen Fällen ist das Signal in der Statistik sichtbar und weniger gut am Einzelereignis. Hitzerekorde sind allerdings tatsächlich in zwischen mit größer Wahrscheinlichkeit Ergebnis unseres Wirkens auf die Atmosphäre. In einem stabilen Klima dürfte es kaum noch lokale und noch viel weniger globale Hitzerekorde geben.

Wie wirkt sich aus Ihrer Sicht der Anstieg der globalen Temperatur auf das Wetter aus – weltweit betrachtet, aber auch in Bezug auf Deutschland?

Böttcher: Die Frage ist sehr interessant, weil es hier starke Wechselwirkungen und Kausalitäten gibt. Steigen die Temperaturen global, geht das arktische Eis zurück. Damit verstärkt Grönland zunächst seine Rolle als Generator für die Tiefdruckbildung auf dem Atlantik. Auf diese Weise entstehen mehr Südwestlagen für Deutschland, die – sobald sie auftreten – heute im Mittel zwei Grad wärmere Luftmassen zu uns bringen als noch vor 50 Jahren. Dadurch entstehen über Europa häufiger Hochdruckgebiete. Langwellentröge werden abgebremst. Wetterlagen dauern dann länger. Bei Hochdrucklagen nimmt so die Trockenheit und Hitze bei uns zu. Im Übergangsbereich sind die Gewitteraktivitäten höher. Stationäre Gewitterzellen werden wahrscheinlicher und die lokale Überschwemmungsgefahr steigt. Am Ende ist es „nur“ Physik.

Nimmt die Stärke von Extremwettern oder ihre Zahl zu?

Böttcher: Sicher sind wir uns bei der Zunahme von Hitzewellen, Hitzerekorde und Trockenheiten. Insgesamt nimmt das Risiko für Starkregen und die Menge des Niederschlages bei Starkregen zu. Hier gibt es jedoch große regionale Unterschiede, die zu berücksichtigen sind. Keine Veränderung sehen wir bei mittleren Winden und Stürmen in Deutschland – sowohl bei der Fallzahl, als auch bei der Intensität. Jedoch sehen wir beim Auftreten einen leichten Trend zu Stürmen im August und September. Diese Stürme haben höheres Potential für Schäden, weil sie auf belaubte Bäume treffen. Eine Abnahme sehen wir bei Tagen mit Nacht- und Dauerfrost.

Gibt es eine Entwicklung, die Ihnen als Wetterexperte besonders Sorgen macht?

Böttcher: Ich stehe auf einem Deich, auf dessen einer Seite das Wasser die Deichkrone erreicht und auf dessen anderer Seite darüber diskutiert wird, ob wir die Ursache sind, was man tun kann und ob das nicht von allein wieder verschwindet. Große Sorge macht mir in diesem Bild das Wasser. Die größere Sorge gilt dem Umgang mit der Bedrohung, die wirklich für unsere Menschheit eine ernste Bedrohung ist.

Auf was müssen wir uns in Deutschland, in Bayern in Puncto Wetter und Extremwetter einstellen?

Böttcher: Für Bayern erwarte ich den Fortgang der Gletscherschmelze, weitere Hitzerekorde, seltener Schneefall bei gleichzeitiger Verstärkung der Schneefallintensität, längere Trockenphasen, stärkere Gewitter, Abnahme extrem kalter Tage sowie Tage mit Frost insgesamt.

Welche Schutzmaßnahmen müssen wir ergreifen?

Böttcher: Für die Kommunen ist es wichtig, die Abwasserleitungen für stärkere Niederschläge auszulegen. Die Norm für den Durchmesser von Fallrohren sollte den zu erwartenden Regenmengen angepasst werden. Landwirte benötigen Vorsorgemaßnahmen mit höheren Resistenzen gegen Trockenheit. Forstwirte benötigen Baumsorten im Bestand, die besser an das zukünftige Klima angepasst sind. Hierzu zählen Douglasie und Roteiche. Zu den Schutzmaßnahem gehört auch die Vorbereitung auf neue Krankheitsüberträger für subtropische und tropische Krankheiten. Lokale und unabhängige Stromversorgungen werden eine Schutzmaßnahme sein für Verbundnetze, die an ihre Grenzen kommen.

Hat es die Menschheit in Ihren Augen noch in der Hand, die vom ihr ausgelöste Entwicklung zu stoppen oder zumindest abzumildern?

Böttcher: Wir haben das Problem geschaffen, wir könnten es auch wieder lösen. Dazu müssten wir jedoch viel mehr unternehmen. Unsere größte globale Herausforderung ist dabei die Bevölkerungsentwicklung. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden wir sowohl die 1,5- und auch die 2,0-Grad-Grenze überschreiten. Es gibt nicht die Kipppunkte des Klimas und dann ist alles vorbei. Jede Zukunft wird immer anders sein, als die Vergangenheit. Wenn es wieder kälter wird, wachsen auch die Gletscher wieder. Es müssten nur eben genügende Faktoren zusammenkommen, damit die Temperaturen sinken. Jedoch sehe ich keinerlei Signal, das darauf hindeutet. Der Klimawandel wird mit voller Wucht über uns hinwegrollen. Da darf man sich keiner Illusion mehr hingeben.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren?

Böttcher: Bis vor 20 Jahren stand der Klimaschutz im Vordergrund. Über Anpassungsstrategien wollte man nicht sprechen. Seit zehn Jahren sprechen wir gleichberechtigt über Anpassung und Klimaschutz. Ich wage eine Prognose: In zehn Jahren reden wir fast nur noch über die Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Nicht etwa, weil wir den Glauben an die Wirkung von Klimaschutzmaßnahmen verloren hätten. Die dann absehbaren Folgen werden so groß sein, dass wir uns entscheiden müssen, ob wir den Menschen vor Ort jetzt helfen oder der Menschheit in 100 Jahren Gutes tun wollen. Besser wäre es, den Klimaschutz nicht aus dem Augen zu verlieren. Auf jeden Fall sollten wir noch stärker auf erneuerbare Energien und vor allen Dingen auf Wasserstoff als Energieträger setzen. Ressourcenschutz und Nachhaltigkeit werden stark an Bedeutung gewinnen und zwar nicht, weil es gut für unseren Planeten ist, sondern weil wir bei der Menge an Menschen auf diesem Planeten keine Chance haben, unseren Lebensstandard und Märkte zu halten, wenn wir nicht konsequent auf das Wegwerfen wichtiger Rohstoffe verzichten. Ich bin sicher, dass uns die Anpassung gelingen wird und der Umbau uns in eine bessere Zukunft führt. Machen wir uns auf den Weg.

Der Klimawandel zwingt uns zur Anpassung, meint Wetterexperte Frank Böttcher. Foto: Berthold Fabricius